Zehn Jahre RequiSiT und mehr…die Geschichte einer wunderbaren Verbindung

„Die Zahl 10 hat hier eine symbolische Bedeutung. Ich habe irgendwann einmal aufgehört zu zählen. Es ist auch völlig belanglos, ob sie jetzt seit 10, 12, oder 15 Jahren zu uns kommen. Wichtig ist es vielmehr,
diese Gruppe überhaupt zu kennen“, beginnt Uwe Grünhäuser als Verantwortlicher für die Präventionsarbeit an der
Heinrich-Heine-Schule die Vorstellung der Formation RequiSiT. Die Rede ist von Nora, Siggi, Gerhard, Danilo, Sascha, Stephan und Heinz, die sich zusammengefasst unter dem Begriff „Theater RequiSiT“ dem Improvisationstheater mit Haut und Haaren verschrieben haben und die diese Form des Theaters nicht nur vertreten, sondern regelrecht leben.

Es ist bereits viel geschrieben worden von den fast schon legendären Auftritten, mit denen RequiSiT ihre Suchtpräventionsveranstaltungen bereichern, um einen besseren Zugang zu den Schülerinnen und Schülern zu bekommen, bevor sie in Kleingruppen ihre vergangenen Sucht- und Drogenkarrieren thematisieren. Am späten Freitagnachmittag wurde jedoch der berühmte „Spieß umgekehrt“, denn nicht die RequiSiT-Profis standen auf der Bühne, sondern die Schülerinnen und Schüler der Heinrich-Heine-Schule, die im Rahmen der vorausgegangenen Projektwoche die Gelegenheit hatten, eng mit den Profis zusammenzuarbeiten und so eindrucksvolle Erfahrungen im Bereich des Improvisationstheaters zu sammeln.

Wenn oben gesagt worden ist, dass RequiSiT die Form des Improvisationstheaters lebt, anstatt es lediglich auszuführen, dann ist genau das damit gemeint. Die Gruppe gibt ihr Wissen weiter, die Mitglieder wollen nicht nur glänzen und im Rampenlicht stehen, sie möchten ihr Publikum dazu ermutigen, Grenzen zu überschreiten, um sich selbst Erlebnisse zu ermöglichen, die sie noch vor kurzer Zeit nicht für möglich gehalten hatten. Und davon konnten sich die Schülerinnen und Schüler während der fünftägigen Projektwoche hautnah überzeugen.

Die Projektwoche begann dennoch für viele der Jugendlichen mit einer gehörigen Portion Skepsis, denn Improvisationstheater war längst nicht allen ein Begriff. In das Projekt „Eine Woche Theater und mehr“ hatten
sich nahezu 40 junge Menschen eingewählt: Ca. 25 der Jugendlichen hatten das Projekt sogar als „Erstwunsch“, alle anderen als „Zweit- oder Drittwunsch“ angegeben. Einige kannten RequiSiT bereits aus den o.g. Suchtpräventionsveranstaltungen, andere betraten zu Beginn der Woche völliges Neuland.

Wie bei den Profis begann auch für die Schülerinnen und Schüler der Arbeitsalltag mit den Proben, die jedoch auf eine ganz eigene Art stattfanden: Thematisiert und gespielt wurden Szenen aus dem Alltag, die niemand voraussehen oder voraussagen konnte, auch die Spielleiter nicht, denn das Improvisationstheater lebt von der spontanen Intuition, die oft aber auch aktuelle Erlebnisse „auf den Tisch“ bringt. An und für sich benötigt man sehr viel mehr Zeit,  um all das be- und verarbeiten zu können, was in diesen Workshops aus dem Innenleben der Schülerinnen und Schüler ans Tageslicht gelangt. Eine Teilnehmerin bemerkte somit erstaunt, dass „normales“ Theaterspielen sehr viel einfacher sei, weil sie dort gesagt bekomme, was sie tun solle. Hier müsse sie sich selbst Gedanken machen, was andererseits aber auch wiederum sehr gut sei.

Aber die Zahl derer, die den Satz „Ich gehe nicht auf die Bühne“ zunächst noch verinnerlicht hatten und zu Beginn der Projektarbeit vielleicht aus Selbstschutzgründen plakativ vor sich hertrugen, schrumpfte von Tag zu Tag. Diejenigen, die in diesen Tagen ein verstecktes Talent entdeckten oder womöglich auch wiederaufleben
ließen, rissen die anderen förmlich mit. „Ich werde nie vergessen, wie eine Teilnehmerin, die am ersten Tag aus Krankheitsgründen den Proben fernbleiben musste, am zweiten Tage dazukam und beim Spielen sofort wie eine Rakete abging,“ erinnerte sich Uwe Grünhäuser an die Proben.

Die Workshops zeichneten sich durch eine sehr konzentrierte Arbeitsatmosphäre aus, die aber immer von Spaß und vor allem von Spielfreude geprägt waren. „Selbstverständlich kommt es hier auch zu Auseinandersetzungen, wie sollte es auch anders sein“, erklärte Grünhäuser das Miteinander in den Workshops. Allerdings gehe es dabei
um einen konstruktiven Umgang mit den Auseinandersetzungen, denn im Grunde genommen motivierten und ermutigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gegenseitig und seien so in diesen fünf Projekttagen zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, von denen sehr viele am späten Freitagnachmittag während der eigenen Show zum ersten Mal in ihrem Leben vor Publikum auf einer Theaterbühne auftreten sollten.

Und dieser Abend wurde zu einem Fest. Die einhundert Stühle, die für das Publikum in der alten Turnhalle aufgestellt worden waren, reichten bei weitem nicht für die vielen interessierten Zuschauer aus. Das
Publikum zeigte sich außerordentlich improvisationsfreudig, was das Ergattern von guten Sichtplätzen anging, und fieberte so in erwartungsvoller Neugier dem Vorstellungsbeginn entgegen. Man merkte, dass die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler diesen Augenblick des Gespanntseins genossen, bevor ihr Auftritt losgehen sollte. Das Rampenlicht belohnte die Arbeit, die in der letzten Woche geleistet worden war, und der tosende Applaus des Publikums nach den unterschiedlichen Improvisationsdarbietungen sprach für sich…

Aber auch dieser Abend endete irgendwann - wenn auch mit Verspätung. „Aufgrund der zahlreichen Einfälle, die vom Publikum vorgegeben wurden, und den daraus spontan umgesetzten Szenen mussten wir den vorgegebenen zeitlichen Rahmen überziehen“, erläuterte Grünhäuser die längere Spielzeit. Schließlich erlosch das Bühnenlicht, der Saal
leerte sich, es flossen Tränen des Abschieds, der rote Transporter des Ensembles verließ endgültig das Schulgelände und die „Zeit danach“ begann…

„Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich bei der Pronova BKK und Frau Simmank bedanken“, betonte Uwe Grünhäuser abschließend, „denn ohne ihr überaus großes Engagement wäre dieses wunderbare und wichtige Projekt nicht möglich gewesen. Ich bin sicher, das Projekt wird den Schülerinnen und Schülern sehr lange, wenn nicht sogar für immer in Erinnerung bleiben.“

Am Ende dieser Zeilen steht der allseitige Wunsch, mit RequiSiT weiterzuarbeiten und damit diese wunderbare Verbindung fortzuführen. Vielleicht für weitere 10, 12 oder 15 Jahre, wer weiß…