Europawoche: Lesung von Asli Erdogan am 7. Mai 2019 an der HHS

Europa in Bewegung – unter diesem Motto stand die diesjährige Europawoche an der Heinrich-Heine-Schule. Nachdem am Montag die Künstlerinnen des Happy Hippie Jew Bus zusammen mit Schülerinnen und Schülern der Klassen 6, 7 und 9 spielerisch Vorurteile gegenüber Juden entlarvten, durfte die Schule am Mittwoch die Schriftstellerin Asli Erdogan und den Schauspieler Jochen Nix willkommen heißen.

Was kann ich selbst tun, um etwas in Europa zu bewegen? Dies war nur eine der vielen Fragen, die die Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen der türkischen Autorin stellten, die mit ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Roman „Das Haus aus Stein“ an die Schule kam, um mit dem jungen Publikum über die Themen Presse- und Meinungsfreiheit zu diskutieren.

Zunächst aber las der gefragte Frankfurter Schauspieler Jochen Nix sehr eindrucksvoll Auszüge aus dem als „Meisterwerk“ (F.A.Z.) gefeierten Roman vor. Darin nimmt Erdogan auf erschreckende Art und Weise Ereignisse und Eindrücke vorweg, die sie Jahre später am eigenen Leib erleben musste, als die pro-kurdische Journalistin und Schriftstellerin 2016 wegen angeblicher „Propaganda für eine illegale Organisation“ festgenommen wurde und einige Monate in Haft saß. Für die Schülerinnen und Schüler aber begann die literarische Reise in eine düstere Parallelwelt, in der sich Realität und Fiktion zu einem bedrückenden und zugleich bildgewaltigen Klagelied verflechten. Das „Haus aus Stein“ wird darin zu einem Ort der Unmenschlichkeit und Gewalt, in dem am Ende nichts mehr ist, wie es einmal war und das aus einem Menschen einen gebrochenen Engel macht. Auf die Frage hin, ob sie die Zeit in Haft verändert habe, verwies die seit etwas über zwei Jahren in Deutschland lebende Erdogan auf ihre vielen unsichtbaren Narben, die wohl nie gänzlich verheilen würden. Auch wenn sie diese nicht benennen könne, so glaube sie jedoch trotz allem an eine höhere Macht, an etwas Göttliches in der Welt. Ob sie jemals in die Türkei zurückkehren würde, wisse sie nicht, gab sie, sichtlich bewegt, den interessierten Schülerinnen und Schülern zur Antwort.

Welchen Rat sie jungen Europäern mitgeben könne, wollte eine Schülerin der 9. Klasse wissen. Die Antwort kam prompt und ohne Zögern: Nehmt die Werte und Rechte, für die eure Vorfahren lange und erbittert gekämpft haben – Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit usw. – nie als selbstverständlich hin, sondern verteidigt sie vor denjenigen Kräften, die die Demokratie bekämpfen wollen. Und engagiert euch – ob in Vereinen, gemeinnützigen Organisationen oder in der Politik: Europa lebt davon, gelebt zu werden.

Auch wenn die Neunt- und Zehntklässler dieses Jahr noch nicht wählen dürfen – die Diskussion mit Asli Erdogan hat bei vielen einen bleibenden Eindruck hinterlassen und vielleicht den einen oder die andere dazu bewegt, selbst etwas zu bewegen.