Unmenschliche Verbrechen und kulturelle Höchstleistungen

Am 27. Januar feierte die Welt die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren. Dieses Vernichtungslager auf polnischem Boden steht stellvertretend für die Gräueltaten, die an Juden, Sinti und Roma, politisch Andersdenkenden und vielen anderen Personen verübt wurden, die nicht in das Menschenbild der Nationalsozialisten passten.

Um sich selbst eine Vorstellung von den Verbrechen zu machen, die vor weniger als einem Jahrhundert auf deutschem Boden verübt wurden, besuchten die Schülerinnen und Schüler der Klassen G10a und G10b mit ihrer Geschichtslehrerin Frau Skipis sowie den Klassenlehrerinnen Frau Kemmer und Frau Kühner die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar. Das KZ wurde 1937 als Arbeitslager errichtet, in dem Menschen aus 26 Nationen unter unwürdigsten Bedingungen leben und arbeiten mussten. Ungefähr
56.000 von ihnen kamen dabei aufgrund von Hunger, Überlastung, Krankheiten, Folter und gezielten Ermordungen zu Tode, darunter hauptsächlich Juden sowie politisch und religiös Verfolgte.

Nach einem sehr eindrücklichen Dokumentarfilm, der über die Zustände im Lager zum Zeitpunkt seiner Befreiung im April 1945 informierte und zahlreiche Zeitzeugenberichte enthielt, begann die ca. zweistündige Führung über das ehemalige Lagergelände und ein paar der noch stehenden Gebäude wie dem Krematorium und dem Pferdestall, in dem eine Genickschussanlage untergebracht war. Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich, auch im anschließenden Gespräch, sehr berührt über die menschlichen Schicksale und fassungslos über die Unmenschlichkeit und Willkür, die in nächster Nähe zu der Kulturstadt Weimar ihr Unwesen trieben. In einem Punkt waren sich die Jugendlichen einig: Die Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors dürfe nicht verblassen, gerade auch in Zeiten, in denen rassistisch und antisemitisch begründete Taten keine Ausnahmen mehr darstellen. So fasste es ein Schüler am Ende des Tages treffend zusammen: Wir sind nicht mehr verantwortlich für das, was vor über siebzig Jahren in Deutschland geschah, doch ist jeder einzelne von uns dafür verantwortlich, dass so etwas nie wieder geschieht.

Der darauffolgende Tag stand ganz im Zeichen der Weimarer Klassik und begann für die Schülerinnen und Schüler vor dem Goethe- Schiller- Denkmal auf dem Theaterplatz. Dieses steht für die großen Verdienste der beiden Schriftsteller, die in Weimar eine zweite Heimat gefunden und ihr zu ihrem bis heute währenden Ruhm als „Kulturstadt“ verholfen hatten. Als weiterer Programmpunkt stand der Besuch der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek, die nach einem Brand im Jahr 2004 wieder in ihrem alten Glanz erstrahlt und die Schülerinnen und Schüler mit ihren jahrhundertealten Büchern und ihrer goldenen Pracht beeindruckte.

Das Kulturprogramm endete mit der Besichtigung des Goethe-Nationalmuseums sowie des Wohnhauses des bedeutenden deutschen Dichters. Die Jugendlichen entdeckten viele neue Seiten an dem ihnen bislang vor allem als Autor schulischer Pflichtlektüre wie den „Leiden des jungen Werther“ oder „Faust“ bekannten Goethe. Dass dieser sich neben der Schriftstellerei auch als Naturforscher und Politiker einen Namen gemacht hatte, war vielen zuvor nicht bewusst gewesen. Am Eingang des Museums entdeckten die Schülerinnen und Schüler zwei große Holzkisten. Die Museumspädagogin erzählte, diese seien von Gefangenen des Konzentrationslagers Buchenwald angefertigt worden, um die privaten Schätze aus Goethes Nachlass vor den bereits näher rückenden Alliierten zu schützen – ein Sinnbild für die Absurdität der Geschichte Weimars, in der unmenschliches Grauen und höchste kulturelle Blüte so nah beieinander liegen. Und vielleicht auch ein bisschen Hoffnung darauf, dass das Gute immer wieder über das Böse siegt.