Viele Meinungen, doch ein gemeinsamer europäischer Gedanke

Die Europawoche 2021 an der Heinrich-Heine-Schule

„Hessen ist ein Land der Europäerinnen und Europäer. Das Engagement, sich für die europäische Idee einzusetzen, ist ungebrochen.“. Mit diesen Worten bedankte sich Europaministerin Lucia Puttrich zum Auftakt der diesjährigen Europawoche bei allen, die sich für die europäische Idee engagieren. Auch wir als Hessische Europaschule sehen es als unsere Verantwortung, den europäischen Gedanken im Bewusstsein unserer Europaschülerinnen und Europaschülern zu stärken. Auch und gerade in Krisenzeiten, in denen wir viel mit uns selbst beschäftigt sind, sollten das Gemeinschaftsgefühl und die Verbundenheit mit unseren europäischen Nachbarn nicht in den Hintergrund geraten. So wurde das diesjährige Programm von der Schule aus in das digitale Klassenzimmer verlegt.

Die Europawoche, eines der Herzstücke unserer Arbeit als Europaschule, wird traditionell rund um den Europatag am 9. Mai begangen, der an den Startschuss für die Gründung der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (EGKS) am 9.5.1950 erinnert.

Einen Tag später, am „Tag des Buches“ wird jedoch noch eines anderen Ereignisses aus einem düsteren Kapitel der deutschen Geschichte gedacht – dem Tag der Bücherverbrennung am 10.5.1933, an dem die Nationalsozialisten tausende Bücher öffentlich verbrannten, die nicht ihrer von Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung geprägten Ideologie entsprachen.

In Gedenken an diese kultur- und menschenverachtenden Vorgänge rief die Buchbranche in diesem Jahr zu einer „Woche der Meinungsfreiheit“ auf, in deren Rahmen die Menschen aufgefordert wurden, sich mit dieser tragenden Säule unserer demokratischen Gesellschaft in Diskussionen und Projekten auseinander zu setzen.

So stand dann auch die diesjährige Europawoche der Heinrich-Heine-Schule ganz im Zeichen der Meinungsfreiheit und Toleranz.

Darf man eine Regierung öffentlich kritisieren? Dieser Frage gingen die Schüler*innen der R10b unter der Leitung ihrer Geschichtslehrerin und Europaschulkoordinatorin Laura-Victoria Skipis in einem Projekt zu der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ nach. Die Gruppierung um die junge Studentin Sophie Scholl und ihren Bruder Hans hatte dem unmenschlichen Regime der Nationalsozialisten mit Hilfe von Flugblättern den Kampf angesagt.

Dank eines von den Sendern SWR und BR ins Leben gerufenen Instagram-Projekts konnten die Schüler*innen unter @ichbinsophiescholl die Widerstandskämpferin in ihren letzten zehn Lebensmonaten scheinbar unmittelbar und auf einer sehr persönlichen Ebene begleiten. Dieser sehr intime Zugang ermöglichte es den Schüler*innen der R10b, sich intensiver mit den Zielen und Idealen der jungen Studentin auseinander zu setzen.

In ihren Flugblättern kritisieren die Mitglieder der Weißen Rose die nationalsozialistische Regierung sehr scharf und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. „Darf man so etwas über eine Regierung sagen?“ – diese Frage stellte eine Schülerin in den Raum und eröffnete damit eine Debatte über das Thema „Meinungsfreiheit“, in der die Meinungen der Schüler*innen auseinander gingen. Die eigene Meinung sollte stets respektvoll vorgetragen werden, darüber war sich ein großer Teil der Klasse einig. Doch wie begegnet man einem Regime, das seine Bürger*innen selbst respektlos behandelt? Und können wir uns trotz aller Meinungsverschiedenheiten auf wesentliche Punkte einigen, die unser Verständnis von Meinungsfreiheit definieren? Ausgehend von den 11 Punkten der „Charta der Meinungsfreiheit“ (https://www.woche-der-meinungsfreiheit.de/charta-der-meinungsfreiheit/) erstellten die Schüler*innen ihre eigenen Grundsätze für einen von Toleranz, Respekt und Vielfalt geprägten Austausch. In den nächsten Wochen will die Klasse eine gemeinsame Charta der Meinungsfreiheit erstellen, die zur Bewertung von historischen und aktuellen Verletzungen dieses fundamentalen Bestandteils der Demokratie herangezogen werden kann.

Mit einer anderen Form von Freiheit beschäftigte sich ein weiteres Highlight der Europawoche – der Reisefreiheit. Anlässlich ihres 15jährigen Bestehens lud unsere Partnerorganisation EUROPE DIRECT Relais Rhein-Main zu einer Online-Veranstaltung unter dem Motto „Sehnsucht Europa“ ein, bei der sich Vertreter aus der Politik und von Bildungseinrichtungen über die Zukunft des Reisens in Europa sowie das Pflegen von Partnerschaften zu europäischen Nachbarn austauschten. Die Schüler*innen der internationalen Klasse G5b hatten sich im Vorfeld künstlerisch mit dem Thema „Reisen in Europa“ auseinandergesetzt. Ihre Collagen und Kunstwerke wurden zu Beginn der Veranstaltung, an der unter anderem Landrat Oliver Quilling, Europastaatssekretär Mark Weinmeister sowie Jochen Poettgen von der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland teilnahmen, gezeigt. Die drei Politiker berichteten begeistert von ihren Erfahrungen als Austauschschüler und junge Reisende im europäischen Ausland und stellten dabei resümierend fest: „Europa klappt nur, wenn Menschen sich begegnen.“ (M. Weinmeister).

Den krönenden Abschluss unserer Europawoche bildete ein in Zusammenarbeit mit EUROPE DIRECT entstandener Workshop zum Thema „Fake News“, der wiederum den Bogen zurück zur Meinungsfreiheit schlug.

In den sozialen Netzwerken werden wir tagtäglich mit immer neuen, teilweise haarsträubenden Nachrichten konfrontiert. Doch was genau sind Fake News? Wie erkenne ich sie, welche Gefahren bergen sie und wie sollten wir mit ihnen umgehen? Diesen Fragen widmete sich Simon Lindörfer (EUROPE DIRECT) in seinem Einstiegsvortrag für die Klassen G9a und G9b und regte die Schüler*innen damit zum Nachdenken über ihr eigenes Konsumverhalten von Nachrichten an. Danach beschäftigten sich die Schüler*innen mit Artikeln aus dem Netz, in denen sie die Falschinformationen erkennen und herausstellen sollten. Für viele unter ihnen war diese Erfahrung überraschend, da die Fake News sich teilweise hinter seriös wirkenden Nachrichtenformaten verbargen. Lindörfers Tipp an die Jugendlichen lautete: Nachrichten hinterfragen und nachdenken, bevor man eine Nachricht weiterverbreitet und selbst die Quellen überprüfen, auf die sich die Nachrichten stützen. So lassen sich Behauptungen schnell als Fake entlarven. Entscheidend ist, Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene dahingehend zu sensibilisieren, Nachrichten bewusst zu konsumieren. Damit auch die jüngeren Jahrgänge der HHS von den Erkenntnissen dieses Tages profitieren können, werden die Schüler*innen der G9a und G9b in den nächsten Wochen in ihrer Medienkompetenz geschult und ihr Wissen in ihrer Funktion als Multiplikatoren altersgerecht an die jüngeren Schüler*innen weitergeben. So wird der europäische Gedanke auch über die Europawoche hinaus gelebt – hoffentlich bald auch wieder in der persönlichen Begegnung.